Rohstofflage bei Hartmetall belastet die Zerspanung

Artikel vom 1. Juli 2026
Drehwerkzeuge, galvan. Diamantwerkzeuge PKD-CBN

Wolfram wird knapper, Werkzeugpreise steigen, Lieferketten bleiben anfällig. Der Verband der Deutschen Drehteile-Industrie zeigt, warum Hartmetall für viele Zerspanungsprozesse wichtig bleibt und wie Betriebe mit Effizienz, Recycling und neuen Werkzeugkonzepten reagieren.

Steigende Rohstoffpreise und unsichere Lieferketten bei Hartmetallwerkzeugen setzen die Zerspanungsindustrie unter Druck. Susa Sauer verwendet z. B. Cermet-Platten, eine Mischung aus Keramik und Metall, als Alternative (Bild: Susa Sauer).

Susa Sauer verwendet z. B. Cermet-Platten aus Keramik und Metall als Alternative, um auf steigende Rohstoffpreise und unsichere Lieferketten bei Werkzeugen zu reagieren (Bild: Susa Sauer).

Die Zerspanungsbranche steht durch die Entwicklung auf den Rohstoffmärkten unter Druck. Wolfram ist ein zentraler Bestandteil von Hartmetallwerkzeugen und beeinflusst damit direkt die Kalkulation vieler Drehteilehersteller. Hohe Schnittgeschwindigkeiten, wirtschaftliche Standzeiten und Prozesssicherheit lassen sich in vielen Anwendungen nur mit entsprechenden Werkzeugen erreichen. Zugleich wirken sich steigende Rohstoffpreise, geopolitische Risiken und die starke Konzentration der Wolframförderung und -verarbeitung in China auf die Versorgungssicherheit aus.

Auf der Frühjahrstagung des Verbands der Deutschen Drehteile-Industrie wurde deutlich, dass die Branche das Thema nicht mehr nur als operative Beschaffungsfrage betrachtet. Werkzeugpreise steigen teils erheblich, während viele Kunden stabile Preise erwarten. Für Drehteilehersteller entstehen dadurch enge Spielräume: Mehrkosten lassen sich häufig nur begrenzt weitergeben, Angebote müssen öfter angepasst und Projekte kurzfristiger kalkuliert werden. Auch die Volatilität an den Rohstoffmärkten erschwert belastbare Preiszusagen und langfristige Planungen.

Lieferzeiten und Beschaffung rücken stärker in den Fokus

Neben den Kosten wird die Verfügbarkeit wichtiger. Die Versorgung mit Werkzeugen ist derzeit zwar überwiegend stabil, bei einzelnen Produkten verlängern sich jedoch bereits die Lieferzeiten. Genannt werden Standardwerkzeuge mit Lieferzeiten von mehr als vier Wochen sowie erste Engpässe. Viele Unternehmen rechnen damit, dass sich die Lage im Jahresverlauf zuspitzen könnte. Entsprechend wichtiger werden vorausschauende Beschaffungsprozesse, diversifizierte Lieferketten und stärkere europäische Recyclingkapazitäten.

Die Abhängigkeit von asiatischen, insbesondere chinesischen, Lieferanten gilt als zentrale Schwachstelle. Rund 80 Prozent des weltweit gewonnenen Wolframs kommen aus China. Politische Spannungen, Handelskonflikte oder Exportbeschränkungen können sich damit direkt auf europäische Fertigungen auswirken. Für die Unternehmen geht es deshalb nicht nur um Kosten, sondern auch um Planungssicherheit, Lieferfähigkeit und eine belastbare Rohstoffstrategie.

Effizienz statt Materialverzicht

Ein vollständiger Ersatz des Werkstoffs steht für die Betriebe derzeit kaum zur Diskussion. Stattdessen setzen sie auf einen sparsameren und technisch gezielteren Einsatz. Dazu gehören optimierte Schneidengeometrien, moderne Beschichtungen, mehrschneidige Werkzeuge sowie das konsequente Nachschärfen und Wiederaufbereiten. In bestimmten Anwendungen gewinnen auch alternative Werkstoffkonzepte wie Cermet an Bedeutung.

Einige Betriebe nutzen eigene Werkzeugschleifereien, um Werkzeuge intensiver nachzuschärfen oder bei Bedarf umzuarbeiten. Kronenwerkzeuge können den Rohstoffbedarf gegenüber Vollmateriallösungen senken. Andere Fertigungen arbeiten mit wiederaufbereiteten Werkzeugen, modernen Beschichtungen und Wechselkopfsystemen. Der gemeinsame Ansatz: Standzeiten verlängern, Material effizienter nutzen und die Prozesssicherheit erhalten.

Wettbewerbsfähigkeit hängt an stabilen Strategien

Die aktuelle Rohstofflage zeigt, wie eng Werkzeugtechnik, Beschaffung und Wettbewerbsfähigkeit miteinander verbunden sind. Steigende Kosten und unsichere Lieferketten erhöhen den Druck auf die Zerspanungsindustrie. Gleichzeitig entstehen technische Antworten, die den Materialeinsatz reduzieren und die Fertigungen robuster machen können. Für die kommenden Jahre werden längere Standzeiten, intelligente Werkzeugkonzepte, Recycling und ein bewusster Umgang mit Wolfram zu wichtigen Stellschrauben.

Blick in die Zukunft

Wolfram und Hartmetall bleiben für die Zerspanung auf absehbare Zeit unverzichtbar. Gleichzeitig erhöhen steigende Kosten, geopolitische Risiken und eine starke Konzentration der Lieferketten den Druck auf die Branche. Die Antwort lautet daher aus Sicht des Verbands nicht Verzicht, sondern Effizienz: längere Standzeiten, intelligentere Werkzeugkonzepte, konsequentes Recycling und ein möglichst sparsamer Einsatz eines Werkstoffs, der für viele Anwendungen alternativlos bleibt.

Verbandsgeschäftsführer Werner Liebmann sieht darin einen zentralen Weg für die kommenden Jahre: »Die Unternehmen stehen weiterhin unter erheblichem Druck, reagieren aber sehr schnell und flexibel auf die neuen Rahmenbedingungen. Diese Innovationskraft wird entscheidend sein, um die Wettbewerbsfähigkeit der Zerspanungsindustrie langfristig zu sichern.«

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